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9. Klassen auf den Spuren jüdischen Lebens in Gerolzhofen

Die Stadführerin Evamaria Bräuer zeigte den 9. Klassen des Gymnasiums Gerolzhofen den Gedenkstein für die ehemalige Jüdische Gemeinde

Die wenigsten Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse des Gymnasiums in Gerolzhofen wussten bis vor Kurzem, dass es in Gerolzhofen und vielen anderen fränkischen Orten jüdische Gemeinden gab. Durch Referate erarbeiteten sie sich ein Grundwissen über namhafte jüdische Persönlichkeiten wie Karl Marx, Sigmund Freud, Albert Einstein, Martin Buber, aber auch über den Antisemitismus und die Holocaust-Gedenkstätte Yad va Shem, wo im Tal der Gemeinden auch an die vielen zerstörten jüdischen Gemeinden in Unterfranken erinnert wird. So liest man in großen Felsblöcken eingemeißelt bekannte Namen: Schweinfurt, Haßfurt, Würzburg, Kitzingen, Marktbreit, Gerolzhofen, Frankenwinheim, Prichsenstadt usw. Pfarrer Hans Gernert organisierte schließlich gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Klaus Vollmuth eine Führung zur Geschichte der ehemaligen Jüdischen Gemeinde Gerolzhofen.

Evamaria Bräuer zeigte anhand eine Stadtplans, dass die jüdischen Familien zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die ganze Stadt verteilt wohnten und gut integriert waren. Im Ersten Weltkrieg kämpften über 90.000 jüdische Männer ganz selbstverständlich auf deutscher Seite mit. Fast ein Drittel ist gefallen. So findet sich auch der Name eines jüdischen Mitbürgers aus Gerolzhofen auf dem örtlichen Kriegerdenkmal. Am Türstock eines Hauses am Anfang der Steingrabenstraße zeigte Frau Bräuer die Stelle, an der eine Mesusa, eine Art jüdischer Haussegen, angebracht war. In einem anderen Haus wohnte Familie Selig, die mit Hefe handelte. Die Synagoge, ebenfalls in der Steingrabenstraße, hat als Gebäude die Reichspogromnacht am 9. November 1938 überstanden, weil sie unmittelbar mit einem christlichen Haus verbunden war. Doch das Inventar wurde auf den Sportplatz gebracht und verbrannt. Für Männer und Frauen hatte die Synagoge getrennte Eingänge. Um das nachzuempfinden stellten sich die Schüler und Schülerinnen getrennt vor der ehemaligen Synagoge auf. Nur wenige Häuser von der Synagoge entfernt war das Haus des jüdischen Lehrers, der den Synagogengottesdienst leitete und die Kinder unterwies. Ein Lehrersohn aus Gerolzhofen, Dr. Benzion Kellermann, war Anfang des 20. Jahrhunderts ein viel beachteter Philosoph, Pädagoge und Reform-Rabbiner. Ihm zu Ehren wird am 10. Dezember 2017 das Straßenschild „Dr.-Benzion-Kellermann-Stiege“ enthüllt. Frau Bräuer ging auch kurz auf den jüdischen Friedhof in Gerolzhofen und auf Stolpersteine ein, die vor manchen Häusern auf deren ehemalige jüdische Bewohner aufmerksam machen. Die Führung endete am Gedenkstein in der Schuhstraße, der an die durch den Nationalsozialismus zerstörte Jüdische Gemeinde in Gerolzhofen erinnert.

Im Lauf des Schuljahrs ist noch ein Besuch des neuen jüdischen Gemeindezentrums Shalom Europa in Würzburg geplant, um heutiges jüdisches Leben bei uns kennenzulernen.

Text und Fotos: Hans Gernert

Die ehemalige Synagoge in Gerolzhofen besaß getrennte Eingänge für Männer und Frauen

Von der Stadtführerin Evamaria Bräuer erfuhren die Neuntklässler viel über das jüdische Leben in Gerolzhofen (im Hintergrund die ehemalige Synagoge)

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