Oops! It appears that you have disabled your Javascript. In order for you to see this page as it is meant to appear, we ask that you please re-enable your Javascript!

«

»

Beitrag drucken

Vortrag: Aussteiger aus der rechtsextremen Szene

Am 17.7.2019 fand sich ein besonderer Gast im Konstitutionssaal des Schlosses Gaibach ein. Manuel Bauer berichtete den Schülern der 9. Klassen über seinen Weg in den Rechtsextremismus, von Innenansichten und prägenden Erlebnissen in der rechten Szene und vom schwierigen Weg zu einem gemäßigten Leben in der Mitte der Gesellschaft.

Manuel Bauer ist heute 40 Jahre alt. Die Kindheit in der sächsischen Provinz ist bestimmt von der sozialistischen Erziehung innerhalb der Strukturen der DDR. Dies bedeutet einerseits natürlich Überwachung, Fremdbestimmung und Anpassungszwang, andererseits aber auch Freude: etwa an den Pionierlagern der FDJ, die ein starkes Gemeinschaftsgefühl hervorrufen. Die Wende im Jahr 1989 bringt für all das ein abruptes Ende. Freundschaften gehen verloren, weil viele Familien in den Westen übersiedeln. Denen, die im Osten bleiben, setzt die Arbeitslosigkeit zu. Die rechtsextreme Bewegung hat nun leichtes Spiel, die orientierungslosen Kinder und Jugendlichen für sich zu vereinnahmen. Bald gilt es als cool, rechts zu sein.

Im Alter von 17 Jahren schließlich bricht Bauer gewaltsam mit der Familie. Seine Mutter schlägt er nieder, den Vater verletzt er mit dem Messer. Er ist nun voll integriert in der rechten Szene, wird ideologisch geschult und zum Kämpfer ausgebildet. Immer häufiger kommt es zu Gewalttaten von schockierender Brutalität. Opfer sind vor allem Menschen fremder Herkunft oder politische Gegner aus dem linken Lager.

Bauer wird nun selbst immer aktiver als Ausbilder und Organisator. Er gründet Kampfgemeinschaften und Wehrsportgruppen oder unterrichtet Neuankömmlinge. Das Spektrum reicht von ideologischer Schulung über Kampfsport bis zur Herstellung von Bomben und Sprengsätzen.

Ein solcher Werdegang eröffnet Manuel Bauer weitreichende und vielschichtige Innenansichten des rechten Milieus. So erläutert er den Schülern beispielsweise die Funktion von Musik für die Szene. Diese soll emotionale Bindungen aufbauen, indem sie jungen Menschen Identifikationsangebote liefert. Darüber hinaus werden aber auch über Liedtexte ideologische Inhalte vermittelt. Die Musikrichtung ist allerdings längst nicht mehr auf Rock beschränkt. Die Palette umfasst nun auch eingängigen Pop, Hip Hop oder auch verschiedene Strömungen des Metal. Ziel ist es, möglichst viele junge Leute auf diesem Weg zu erreichen.

Die Schüler werden auch mit dem ausgesprochen einfachen und mit Fehlern und Widersprüchen behafteten Weltbild konfrontiert, in dem sich die rechte Szene gedanklich bewegt. So werden neben politischen Gegnern vor allem Menschen mit so genannten animalischen („Dunkelhäutige und Nebenrassen“), amerikanischen oder jüdischen Verhaltensweisen kategorisch abgelehnt und bekämpft. Bauer zeigt Beispiele für verschiedene rechtsgerichtete Propagandaaktionen, bei denen die Geschlossenheit der Bewegung demonstriert oder Vertreter des demokratischen Systems verunglimpft werden sollen.

Auch das äußere Erscheinungsbild wird den Schülern vor Augen geführt. Ähnlich wie in der Musik hat sich das Spektrum beträchtlich erweitert. Waren in den 1990er Jahren Rechtsextreme noch an Glatzen, Bomberjacken und Springerstiefeln erkennbar, ist dies heutzutage bei weitem nicht mehr so einfach. Man passt sich äußerlich verschiedenen Milieus an, um zumindest nicht sofort als radikal aufzufallen. Dies gilt auch für Auftreten und Verhaltensweisen in der Gesellschaft. Die Angehörigen der rechten Szene werden angehalten, besonders vertrauenswürdig, zuverlässig und kompetent zu wirken, denn, so das dahinterstehende Kalkül, was der Staat nicht als bedrohlich wahrnimmt, wird auch nicht verboten oder bekämpft.

2001 kommt Manuel Bauer für zweieinhalb Jahre in Haft. Dort holt er seinen Schulabschluss nach, absolviert eine Maurerlehre, und – für ihn persönlich besonders wichtig – er knüpft erste Kontakte zur Aussteigerorganisation exit. Nach seiner Freilassung dauert es jedoch noch Jahre, bis er sich vom rechtsextremen Freundeskreis emotional lösen und ein neues Berufs- und Privatleben aufbauen kann. Dies ist ihm gelungen, doch die quälende Erinnerung an seine Vergangenheit und die damit verbundenen Taten wird ihn wohl nie ganz loslassen.

Alles in allem war sein Besuch eine denkwürdige Begegnung, die auch bei den Schülern einen tiefen Eindruck hinterließ, wie sich an der gespannten Aufmerksamkeit für den Vortrag und den interessierten Fragen im Anschluss gezeigt hat.

Besonderer Dank sei an dieser Stelle dem Kreisjugendring Schweinfurt ausgesprochen, ohne dessen Initiative, Vorarbeit und Vermittlung diese Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre.

Text: Johannes Pflaum
Fotos: Carina Pabst

Die Vorträge über seine Vergangenheit sind dem Aussteiger Manuel Bauer auch persönlich enorm wichtig.

Auszug aus der Präsentation: dem Zusammenbruch einer vertrauten Welt folgte…

…eine Parallelwelt, in der nur die eigenen Regeln gelten und befolgt werden.

Beispiele für Cover rechtsextremer Bands.

Gefesselte Zuhörer: Manuel Bauer überzeugte durch Authentizität und Ehrlichkeit.

Veranstalter und Organisatoren mit dem Referenten (v. r. n. l.): Sabrina Leske vom KJR Schweinfurt, Manuel Bauer, Petra Sokol-Pemöller, Christoph Simon vom KJR Schweinfurt, Johannes Pflaum

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.flsh.de/vortrag-aussteiger-aus-der-rechtsextremen-szene/